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Ein Praktikum bei Weiß-Gelbes Kreuz Westflandern

Eine praktische Studie bei Wit-Gele Kruis West Flanders über den Einsatz von Sensortechnologie, partizipativer Ausbildung und einem datengesteuerten Organisationsansatz zur Reduzierung körperlicher Belastung.


Einführung


Körperliche Beschwerden sind in der häuslichen Pflege sehr häufig. Pflegekräfte leisten täglich körperlich anstrengende Arbeit: Sie bewegen Patienten, ziehen Stützstrümpfe an, waschen sich in kleinen Badezimmern usw. Die Folge? Häufige Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen. Dies ist ein wiederkehrendes Problem für viele Pflegekräfte. Es führt nicht nur zu Beschwerden, sondern auch zu Fehlzeiten und arbeitsbedingten Erkrankungen, was die Arbeitsbelastung der Kollegen zusätzlich erhöht.


Um diese Situation zu verbessern, wurde das Projekt ErgoWise ins Leben gerufen. Mithilfe von Wearables wurden die Bewegungen und Körperhaltungen der Pflegekräfte erfasst und durch Vibrationen in Echtzeit Feedback gegeben. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit zwischen SpineWise und ErgoSupport durchgeführt. SpineWise war für die Messungen, die Datenanalyse und die Durchführung der partizipativen Sitzungen verantwortlich. ErgoSupport steuerte seine Expertise in den Bereichen Ergonomieschulung, Nutzung von Hilfsmitteln und Arbeitsprozessforschung bei. Aus dieser Zusammenarbeit resultierten gezielte Verbesserungsvorschläge.



Dieses Whitepaper beschreibt den Projektverlauf, die wichtigsten Ergebnisse und was wir daraus lernen können.


Das Projekt im Überblick


Insgesamt nahmen 30 Mitarbeiter im Gesundheitswesen an diesem Projekt teil. Jeder Teilnehmer erhielt zwei kleine Sensoren, die er einfach an seiner Arbeitskleidung befestigen konnte. Diese Sensoren erfassten präzise alle Körperhaltungen und Bewegungen.


Das Projekt fand in zwei Phasen statt:


In den ersten fünf Wochen:


  • Woche 1-2: Die Messungen erfolgten ohne Feedback. Dies bildete die Ausgangsmessung.

    • Wochen 3–5: Aktive Coachingphase, in der die Teilnehmenden in Echtzeit Vibrationsalarme erhielten, sobald sie eine unergonomische Körperhaltung einnahmen. Nach mehrtägigem Coaching fand ein Gruppentreffen statt, um die Erfahrungen mit dem Vibrationsalarm zu besprechen. Dabei gaben sie nicht nur Tipps zur Stärkung ihrer Belastbarkeit und zur korrekten Nutzung von Hilfsmitteln, sondern thematisierten auch die Gestaltung ihres Arbeitsumfelds. Die Diskussionen führten zum Austausch und Vergleich von Arbeitsmethoden und gaben Einblicke, wie verschiedene Pflegeaufgaben und organisatorische Prozesse zur Arbeitsbelastung beitragen.


Nach einer Pause von 3 bis 4 Monaten folgte Phase 2:


  • Woche 6: Messung mittels Vibrationssignal, kombiniert mit einer zweiten Gruppensitzung zur Bewältigung anhaltender Herausforderungen. Neben der Besprechung von Körperhaltung und Bewegung wurden auch übergreifende Aspekte der Arbeitsorganisation thematisiert, wie beispielsweise die Patientenaufnahme und die Kombination von Pflegeaufgaben mit anderen Tätigkeiten.

    • Woche 7: Messung ohne Vibrationssignal, um zu beurteilen, ob der Effekt auch ohne Feedback erhalten blieb.


Während des gesamten Prozesses wurden die Messungen durch Fragebögen ergänzt, um die Erfahrungen der Teilnehmenden zu erfassen. Die Datenanalyse ermöglichte die Bewertung individueller Arbeitseinstellungen und die Identifizierung von Verbesserungspotenzialen auf Organisationsebene.


Körperliche Beschwerden zu Beginn


Vor Projektbeginn wurden die Teilnehmenden gefragt, ob sie im vergangenen Jahr körperliche Beschwerden gehabt hatten. Die Antworten waren aufschlussreich. Alle gaben an, mindestens einmal körperliche Beschwerden gehabt zu haben. Beschwerden im unteren Rücken, Nacken und in den Schultern traten besonders häufig auf. Zusammen machten diese drei Bereiche 72 % aller gemeldeten Beschwerden aus.



Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, Maßnahmen zu ergreifen, nicht nur für das Wohlbefinden der Mitarbeiter, sondern auch für die Qualität der Betreuung.


Was wurde gemessen?


Die Wearables zeichneten drei wichtige Dinge auf:


  • Wie oft hat sich jemand tief gebückt?

  • Wie lange jemand in einer gekrümmten Haltung verharrte (länger als 4 Sekunden)

  • Wie viel Zeit wurde mit krummem Rücken verbracht?


Diese Messungen vermitteln ein gutes Bild davon, wie anspruchsvoll die Arbeit ist und wie häufig Gesundheitsdienstleister Körperhaltungen einnehmen, die langfristig zu Beschwerden führen könnten.


Das Projekt in Zahlen


Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die Beobachtung der Veränderung der Einstellungen der Teilnehmer. Zu diesem Zweck wurden zwei Parameter separat untersucht:



  1. Vorbeugen mit einem Oberkörperwinkel von mehr als 30° und einem Rückenbogen von mehr als 45° (weniger als 4 Sekunden)

  2. Längeres Verharren in Vorwärtsbeugen von mehr als 20° für mehr als 4 Sekunden: Je tiefer die Beugung und je größer die Krümmung des Rückens, desto schneller wurde eine Haltung als „zu lange gehalten“ registriert.


Vorwärtsbeugen (weniger als 4 Sekunden)


  • In den Wochen 1 und 2 (ohne Vibrationssignal) ereignete sich dies 127 bzw. 128 Mal pro Person an einem durchschnittlichen Arbeitstag.

  • In Woche 3 (mit Vibrationssignal) sank dieser Wert auf 90 Mal, stieg dann aber in Woche 4 und 5 leicht auf 116 bzw. 103 Mal an.

  • Nach einer dreimonatigen Pause sank dieser Wert in den Kalenderwochen 6 und 7 weiter auf 87 bzw. 73.


Dies zeigt, dass die Teilnehmer bewusster arbeiteten und seltener eine gekrümmte Haltung einnahmen. Sie korrigierten aktiv ihre Körperhaltung.


 

Längeres Vorbeugen (>4 Sekunden)


  • In der ersten Woche begannen die Teilnehmer, durchschnittlich 52 Mal pro Tag Sport zu treiben.

  • Dieser Wert sank in Woche 3 rapide auf 20 und blieb auch in den Wochen 4 und 5 niedrig (27 bzw. 23 Mal).

  • In den Wochen 6 und 7 stieg der Wert leicht auf 28 bzw. 32, blieb aber deutlich unter dem Ausgangswert.


Langes Stehen in gebückter Haltung ist schädlich für den Rücken. Die Verringerung dieser Belastung ist daher sehr positiv. Auch ohne das Vibrationssignal blieb die Verbesserung bestehen.



Anzahl tiefer Rumpfkrümmungen (mehr als 60°)


Vergleicht man diese Daten mit der Norm EN 1005-4, so zeigt sich auch ein deutlicher Rückgang der Anzahl tiefer Vorbeugen von mehr als 60 Grad sowie eine Verringerung der Zeit, die in diesen tiefen Haltungen verbracht wird.



In den ersten zwei Wochen führten die Teilnehmer durchschnittlich 100 tiefe Rumpfbeugen pro Tag durch.



Entwicklung der Zeit, die mit gerundetem Rücken (>45°) verbracht wird


  • In den Wochen 1 und 2 verbrachten die Teilnehmer 7,60 % ihrer Zeit mit einem durchgebogenen Rücken.

  • Dieser Wert sank in den Wochen 3 bis 5 rapide auf 4,66 %.

  • In den Wochen 6 und 7 stieg der Prozentsatz leicht auf 4,16 % bzw. 5,12 %. Diese Werte waren ebenfalls besser als zu Beginn des Projekts.


Die Teilnehmer lernten, ihre Haltung zu korrigieren, wenn sie den Rücken zu stark durchbogen. Die Vibrationssignale gaben ihnen sofortiges Feedback. Wichtig ist, dass der Effekt über die gesamten letzten zwei Wochen anhielt.


Verhalten und Bewusstsein


Das Vibrationssignal hatte eindeutig einen Einfluss auf das Verhalten. Viele Teilnehmer gaben an, dass sie sich ihrer Körperhaltung und ihrer Bewegungen bewusster geworden seien. Einige der Aussagen:



  • „Mir fiel plötzlich auf, wie oft ich mich geirrt hatte.“

  • Die Vibrationen machten mir bewusst, wie ich arbeitete. Nach einer Weile spürte ich sie nicht mehr. Dann wurde es zur Gewohnheit.

  • „Es hat meine Arbeitsweise verändert. Ich versuche jetzt, meine Körperhaltung häufiger zu variieren.“


Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen Folgendes:



  • 83 % der Teilnehmer empfanden die Sensoren als nützlich.

  • 92 % passten ihre Körperhaltung gelegentlich bis immer an das Vibrationssignal an.

  • 75 % glauben, dass es noch Raum für weitere Verbesserungen gibt.


Das Projekt regte auch Gespräche an. Die Teilnehmenden reflektierten ihr Vorgehen und diskutierten in Gruppensitzungen verschiedene Arbeitsmethoden. Beispielsweise untersuchten sie die unterschiedlichen Arten, wie Pflegekräfte Stützstrümpfe für Patienten anlegen.


Was bedeutet das für die Fehlzeiten?


Eines der Hauptziele dieses Projekts war die Abschätzung der potenziellen Auswirkungen auf Langzeitkrankheitsausfälle. Basierend auf der beobachteten Reduzierung der Anzahl von lang andauernden, belastenden Körperhaltungen und Bewegungen wurde mithilfe des von Gupta et al. (2022) entwickelten Modells eine erwartete Reduzierung der Langzeitkrankheitsausfälle um 1,42 % über vier Jahre berechnet. Dies entspricht etwa ein bis zwei weniger Fällen von Langzeitkrankheitsausfällen pro 100 Beschäftigte. Eine absolute Risikoreduktion von 1,4 % (von 12,5 % auf 11,1 %). Auf individueller Ebene bedeutet dies eine durchschnittliche Risikoreduktion von 11,8 %, einen Langzeitkrankheitsausfall zu erleiden.


Was bedeutet das für den Patienten und die Qualität der Versorgung?


Neben der Entlastung des Pflegepersonals trägt das ErgoWise-Projekt auch zur Verbesserung der Pflegequalität bei. Weniger Schmerzen und Beschwerden ermöglichen es dem Pflegepersonal, sich stärker auf den Patienten zu konzentrieren, was zu mehr Engagement und einem geringeren Fehlerrisiko führt. Darüber hinaus gewährleistet eine geringere Fehlzeitenquote eine bessere Kontinuität der Versorgung und stärkt so das Vertrauen der Patienten. Die durch das Projekt bewirkte Verhaltensänderung kommt daher nicht nur dem Personal, sondern der gesamten Patientenversorgung zugute.


Fazit und nächste Schritte


Die Ergebnisse zeigen, dass direktes Feedback über Wearables zu messbaren Verhaltensänderungen führt. Die Teilnehmenden hielten seltener über längere Zeiträume eine ungünstige Körperhaltung ein und bewegten sich bewusster. Dieser Effekt blieb bemerkenswerterweise teilweise sogar Monate nach Abschalten des Vibrationssignals erhalten, was auf eine nachhaltige Veränderung der Arbeitsgewohnheiten hindeutet.



Das Projekt zeigt, dass die Kombination aus Technologie, Coaching und Sensibilisierung Folgendes bewirkt:



  • verbessert die Arbeitshaltung,

  • regt die Nutzung von Ressourcen an,

  • und gewährleistet nachhaltige Verhaltensänderungen, die die körperliche Belastung reduzieren.


Wearables allein sind kein Allheilmittel, aber in Kombination mit gezielter Anleitung können sie die Ergonomie im Gesundheitswesen deutlich verbessern. Effektive Ergonomie erfordert jedoch einen multifaktoriellen und ganzheitlichen Ansatz: Es gilt nicht nur, individuelle Arbeitstechniken zu optimieren, sondern auch das Arbeitsumfeld und die organisatorischen Prozesse. Dies reduziert nicht nur die körperliche Belastung der Mitarbeitenden, sondern trägt auch zur Qualität und Kontinuität der Versorgung bei.


Nächste Schritte


Die nächste Phase des Projekts wird sich auf Folgendes konzentrieren:



  • Die Berücksichtigung organisatorischer Faktoren, einschließlich einer eingehenderen Analyse des Patientenaufnahmeprozesses und dessen Auswirkungen auf die Arbeitsbelastung.

  • Datengestützte Bereitstellung und korrekte Verwendung von Tools, damit typische Vorgehensweisen in der Praxis genau abgebildet und interne „Best Practices“ auf Basis von Messdaten entwickelt werden können.

  • Weitere Einführung von Coaching-Programmen mit Wearables innerhalb der Organisation, um mehr Teams zu erreichen und Verhaltensänderungen breiter zu verankern.


Mit diesen Schritten bewegen wir uns auf eine integrierte, nachhaltige Ergonomiepolitik zu, die sowohl die Zufriedenheit der Mitarbeiter als auch die Qualität der Versorgung stärkt.


Referenzen

  1. Mehr als 2.600 Berufskrankheiten wurden 2024 von 690 Betriebsärzten gemeldet | Beroepsziekten.nl (o. J.). https://www.beroepsziekten.nl/content/ruim-2600-beroepsziekten-gemeld-door-690-bedrijfsartsen-2024

  2. Kennzahlen zur Ergonomie in Belgien 2020 :: VerV. (o. J.). https://www.verv.be/news/kerncijfers-ergonomie-in-belgie-2020/

  3. Gupta, N., Bjerregaard, S.S., Yang, L., Forsman, M., Rasmussen, C.L., Rasmussen, C.D.N., Clays, E. & Holtermann, A. (2022). Erhöht berufsbedingtes Vorbeugen des Rückens das Risiko langfristiger krankheitsbedingter Fehlzeiten? Eine prospektive, registerbasierte Studie über vier Jahre mit gerätegestützter Kompositionsdatenanalyse. Scandinavian Journal of Work Environment & Health, 48(8), 651–661. https://doi.org/10.5271/sjweh.4047

  4. Sluijs, E., Van Beek, S., Mouthaan, I., De Neef, M., Wagner, C. & NIVEL. (2002). Eingehende Studie zur Transparenz der Pflegequalität. NIVEL. https://www.nivel.nl/sites/default/files/bestanden/transparantie-kwaliteit-zorg.pdf


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