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Rückenschonendes Heben: Praktische Richtlinien für Präventionskräfte.

Als Präventionsbeauftragter spielen Sie eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von körperlichen Beschwerden am Arbeitsplatz. Eines der häufigsten Gesundheitsprobleme sind Rückenschmerzen, die oft durch wiederholtes Heben verursacht werden.

Glücklicherweise lassen sich viele dieser Beschwerden vermeiden. Dieser Artikel bietet einen klaren Überblick darüber, wie Sie Ihre Mitarbeiter beim ergonomischen Heben unterstützen können.


Warum Rückenschmerzen durch Heben so häufig sind


In bestimmten Branchen, wie dem Bauwesen, der Logistik und dem Transportwesen, ist der Rücken erheblichen Belastungen ausgesetzt. Langes Verharren in ungünstigen Körperhaltungen oder wiederholtes Heben schwerer Gegenstände können die Bandscheiben, Muskeln und Bänder überlasten.


Wichtige Risikofaktoren sind:

  • Heben und Tragen von Lasten

  • Schnell wiederholte Bewegungen

  • Drücken und ziehen

  • Wenige Erholungsmomente


Diese Faktoren treten häufig am Arbeitsplatz auf und erhöhen das Risiko chronischer Rückenschmerzen. Jüngste Forschungsergebnisse des Niederländischen Zentrums für Arbeitskrankheiten zeigen, dass 16 % der gemeldeten Beschwerden des Bewegungsapparates Rückenschmerzen betreffen.


Die ideale Höhe zum Anheben von Gegenständen liegt zwischen Faust- und Ellbogenhöhe. Für die belgische Bevölkerung entspricht dies einer Höhe von etwa 90 bis 105 cm.


Nach europäischen Normen beträgt das maximale Gewicht, das Sie unter optimalen Bedingungen manuell heben können, 25 kg. Wenn Sie höher oder tiefer heben müssen, verringert sich das maximal zulässige Gewicht. Zwischen Knie- und Schulterhöhe können Sie noch bis zu 20 kg sicher heben. Oberhalb der Schulterhöhe oder unterhalb der Kniehöhe dürfen Sie nur leichte Gegenstände heben. (Motmans, 2023) 3


Je weiter das Gewicht beim Heben vom Körper entfernt ist, desto geringer ist das Gewicht, das man sicher tragen kann. Die Grafik zeigt das sichere Gewicht in Abhängigkeit vom Abstand zum Körper (horizontal und vertikal).

Bitte beachten Sie: Diese Grafik berücksichtigt weder die Häufigkeit des Hebens noch die Kraft der Person (da die Tragfähigkeit von Person zu Person variieren kann).


 

Organisatorische Maßnahmen: Hebelasten begrenzen


Neben dem Erlernen korrekter Hebetechniken sind organisatorische und umweltbezogene Maßnahmen ebenso wichtig. Als Präventionsbeauftragter können Sie hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.


Denken Sie an die Arbeitsplatzgestaltung.


Eine durchdachte Arbeitsplatzgestaltung kann unnötiges Heben vermeiden. Richten Sie den Arbeitsplatz so ein, dass Mitarbeiter möglichst in ergonomischer Höhe arbeiten – idealerweise zwischen Faust- und Ellbogenhöhe. Achten Sie außerdem darauf, unnötige Lastenbewegungen zu vermeiden. Wo möglich, empfiehlt sich die Verwendung höhenverstellbarer Arbeitsplätze, damit die Arbeitshöhe stets an den Benutzer und die jeweilige Aufgabe angepasst werden kann.


Hebemomente strategisch planen


Die schwersten Hebevorgänge sollten früh am Tag oder nach Pausen erfolgen, wenn die Arbeiter relativ ausgeruht sind. Arbeitsbedingte Ermüdung beeinträchtigt die Hebeleistung und erhöht das Risiko fehlerhafter Bewegungen.<sup>6</sup> Kurze, geplante Erholungsphasen (Mikropausen) reduzieren Muskelverspannungen und kumulative Belastungen.<sup>7</sup>


Fördern Sie die Aufgabenvielfalt.


Längeres oder wiederholtes Heben erhöht das Risiko von Überlastungsverletzungen. Durch den Wechsel der Aufgaben und die Kombination mit leichteren Tätigkeiten wie Büroarbeit oder Qualitätskontrolle erhalten die Muskeln die Möglichkeit, sich zu erholen.

Während dieser Ruhephasen können einfache Dehnübungen durchgeführt werden, um die Regeneration zu fördern.

Auch ein regelmäßiger Wechsel der Körperhaltung ist wichtig. Um die Belastung zu reduzieren, sollten Sie regelmäßig zwischen Stehen, Sitzen, Gehen und Heben abwechseln.

Auch bei korrekter Hebetechnik bleibt längere körperliche Arbeit anstrengend. Regelmäßige kurze Pausen fördern die Muskelregeneration und reduzieren langfristig die Ermüdung.


Tipp für die Praxis: Aufgabenvariationen sollten in Zeitplänen und Arbeitsanweisungen verankert werden.


Nutzen Sie die Ressourcen

Technische Hilfsmittel reduzieren nicht nur die körperliche Belastung, sondern erhöhen auch die Sicherheit:

  • Elektrische Hebehilfen

  • Einkaufswagen

  • Höhenverstellbare Arbeitstische


Bitte beachten Sie in der Praxis: Stellen Sie sicher, dass diese Hilfsmittel leicht zugänglich sind.

 

Förderung der Zusammenarbeit bei schweren oder unhandlichen Hebearbeiten

Erlauben Sie Mitarbeitern niemals, schwere, instabile oder schwer zu handhabende Lasten allein zu heben. Sorgen Sie für eine Unternehmenskultur, in der es akzeptiert wird, um Hilfe zu bitten.


Kommunikationsvorschlag: Erinnern Sie die Mitarbeiter daran: „Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob es zu viel ist, machen Sie es gemeinsam.“


Die drei Grundprinzipien des rückenschonenden Hebens


Organisatorische Maßnahmen lassen sich nicht immer schnell umsetzen. Falls weiterhin Hebearbeiten erforderlich sind, muss sichergestellt werden, dass die Mitarbeiter über die korrekte Handhabung und das Heben von Lasten gut informiert sind.

Es gibt drei Kernprinzipien für rückenschonende Hebetechniken. Diese Prinzipien bieten eine einfache Richtlinie für das Heben von Lasten in verschiedenen Branchen.


1. Breite und stabile Standfläche


Prinzip: Stellen Sie beide Füße etwa schulterbreit auseinander und stellen Sie gegebenenfalls einen Fuß etwas vor den anderen, um zusätzliche Stabilität zu gewährleisten.


Begründung: Eine breite Standfläche verbessert Gleichgewicht und Kontrolle, reduziert unwillkürliche Haltungskorrekturen und gewährleistet eine gleichmäßige Verteilung der Bodenreaktionskräfte. Studien zeigen, dass eine stabile Fußstellung die Rumpfkräfte und die Kokontraktion bei Hebebewegungen verringern kann.<sup>8,9</sup>


Organisatorischer Aspekt: Stellen Sie sicher, dass der Arbeitsplatz ausreichend Platz für eine korrekte Fußposition bietet. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit erhöht das Risiko von verdrehten oder erzwungenen Bewegungen, was wiederum das Risiko von Überlastungen erhöht.

Praktischer Tipp: Üben Sie dies zunächst mit einem leichten Gewicht; vielen Mitarbeitern ist die richtige Fußstellung nicht bewusst.


2. Halten Sie die Last nah am Körper.


Halten Sie die Last nah am Körper


Prinzip: Halten Sie den Gegenstand so nah wie möglich am Oberkörper, idealerweise etwa auf Bauchnabelhöhe.


Begründung: Das Hebemoment (Hebelarm) verringert sich mit abnehmendem horizontalen Abstand vom Oberkörper, wodurch die Kompressions- und Scherkräfte auf die Lendenwirbelsäule reduziert werden. Studien berichten von einem signifikanten Anstieg der Kompressionskräfte im Bereich L4/L5, wenn Lasten nur wenige Zentimeter weiter vom Körper entfernt gehalten werden.<sup>4,10,11</sup>


Praktischer Tipp: Richten Sie Ihren Arbeitsplatz so ein, dass alle Gegenstände in Reichweite und in einer angenehmen Höhe (Faust-Ellbogen-Höhe ≈ 90–105 cm für die belgische Bevölkerung) sind. Stellen Sie keine schweren Gegenstände auf den Boden oder über Schulterhöhe.


3. Vermeiden Sie Verdrehungen beim Heben.


Prinzip: Vermeiden Sie eine Verdrehung des Oberkörpers beim Heben und Tragen; bewegen Sie die Füße und drehen Sie sich mit dem ganzen Körper.


Begründung: Torsion in Kombination mit Flexion und Kompression ist ein bekannter Risikofaktor für Bandscheibenschäden und Rückenschmerzen. Biomechanische Modelle und In-vivo-Messungen zeigen, dass asymmetrische Hebebewegungen (Rotation) die Belastung der Bandscheiben und die Muskelaktivierung erhöhen.<sup>12,13</sup>


Organisatorischer Aspekt: Hebe- und Senkflächen sollten nicht zu nah beieinander liegen. Ein geringer Abstand animiert Mitarbeiter dazu, beim Absetzen der Last einen Schritt zu machen, anstatt den Oberkörper aus einer festen Fußstellung heraus zu verdrehen. Eine zu enge Anordnung erhöht sogar das Risiko unerwünschter Rückenbelastung.


Praktischer Tipp: „Kopf und Füße zeigen in dieselbe Richtung.“ Weisen Sie Ihre Mitarbeiter an, zuerst die Schritte zu machen und erst dann den Oberkörper zu drehen.


Abschluss


Als Präventionsbeauftragter sind Sie das Bindeglied zwischen Richtlinie und Praxis. Durch die Umsetzung organisatorischer Maßnahmen, klare Hebeanweisungen und die Förderung von Verhaltensänderungen können Sie Rückenschmerzen am Arbeitsplatz deutlich reduzieren.


Zusammenfassend:

  • Bieten Sie einen gut gestalteten und anpassungsfähigen Arbeitsplatz.

  • Planen und verteilen Sie die Hebelasten während des Arbeitstages.

  • Führen Sie Mikropausen ein.

  • Stellen Sie ausreichend Ressourcen bereit und fördern Sie deren Nutzung.

  • Arbeiten Sie an einer Kultur der Zusammenarbeit und der Bereitschaft, um Hilfe zu bitten.

  • Schulen Sie die Mitarbeiter im richtigen Heben von Gegenständen: breite Beinstellung, Last nah beieinander, Oberkörper nicht verdrehen.


Mit diesem Ansatz fördern Sie nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter, sondern auch eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit innerhalb des Unternehmens.



Zitat

1. Dreischarf M, Rohlmann A, Graichen F, Bergmann G. In-vivo-Belastungen einer Wirbelkörperprothese bei verschiedenen täglichen Aktivitäten. J Biomech. 2013;46(8):1413–1420.

2. Niederländisches Zentrum für Berufskrankheiten. Über 2.600 Berufskrankheiten wurden 2024 von 690 Arbeitsmedizinern gemeldet. Verfügbar unter: Beroepsziekten.nl

3. Motmans R. (31. März 2023). Maximalgewicht zum Heben? 25 kg und weniger. Ergonomie-Website. Link

4. Hoozemans MJM, Kingma I, van Diën JH, et al. Einfluss der Hebehöhe und der horizontalen Lastposition auf die Belastung des unteren Rückens. Ergonomics. 2004;47(7):784–798.

5. Knapik JJ, Reynolds KL, Harman E. Soldatenlasttransport: Historische, physiologische, biomechanische und medizinische Aspekte. Mil Med. 2004;169(1):45–56.

6. Iridiastadi H, Nussbaum MA. Muskelermüdung und Ausdauer bei wiederholten intermittierenden statischen Belastungen: Entwicklung von Vorhersagemodellen. Ergonomics. 2006;49(4):344–360.

7. McGill SM. Die Biomechanik von Rückenverletzungen: Auswirkungen auf die aktuelle Praxis in Industrie und Klinik. J Biomech. 1997;30(5):465–475.

8. Granata KP, Marras WS. Der Einfluss der Koaktivierung der Rumpfmuskulatur auf dynamische Belastungen der Wirbelsäule. Spine. 1995;20(8):913–919.

9. Plamondon A, Delisle A, Larivière C, et al. Biomechanische Unterschiede zwischen dem Heben ungebundener und kastenförmiger unbekannter Lasten. Clin Biomech. 1997;12(4):254–262.

10. Kingma I, Faber GS, van Diën JH. Wie man eine Kiste anhebt, die zu groß ist, um zwischen die Knie zu passen. Ergonomics. 2010;53(10):1228–1238.

11. van Diën JH, Hoozemans MJM, Toussaint HM. Bücken oder in die Hocke gehen: Ein Überblick über mechanische Studien zur Hebetechnik. Clin Biomech. 1999;14(10):685–696.

12. Dreischarf M, Rohlmann A, Graichen F, Bergmann G. In-vivo-Belastungen einer Wirbelkörperprothese bei verschiedenen Alltagsaktivitäten. J Biomech. 2013;46(8):1413–1420.

13. van Diën JH, Hoozemans MJM, Toussaint HM. Bücken oder in die Hocke gehen: Ein Überblick über mechanische Studien zur Hebetechnik. Clin Biomech. 1999;14(10):685–696.


 
 
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